Erich Honecker

Kindheit und der frühe Weg in die Politik

Erich Honecker wurde am 25. August 1912 im saarländischen Neunkirchen geboren. Er war eines von sechs Kindern des Bergarbeiters und überzeugten Kommunisten Wilhelm Honecker sowie dessen Ehefrau Caroline Honecker. Das Saarland befand sich nach dem Ersten Weltkrieg unter der Verwaltung des Völkerbund, wodurch Honecker in einer politisch bewegten Region aufwuchs. Sein Elternhaus war stark von sozialistischen und kommunistischen Überzeugungen geprägt. Schon früh erlebte er politische Diskussionen, wirtschaftliche Unsicherheit und die sozialen Probleme der Arbeiterklasse. Diese Erfahrungen beeinflussten seine spätere Weltanschauung nachhaltig.

Nach dem Besuch der Volksschule begann Honecker eine Lehre als Dachdecker, schloss diese jedoch nicht ab. Viel stärker als handwerkliche Arbeit interessierte ihn die Politik. Bereits als Zehnjähriger trat er dem kommunistischen Kinderverband bei. Mit vierzehn Jahren wurde er Mitglied des Kommunistischer Jugendverband Deutschlands und engagierte sich intensiv für die kommunistische Bewegung. Seine politische Karriere begann somit außergewöhnlich früh. Während viele Gleichaltrige ihre berufliche Zukunft planten, widmete Honecker einen Großteil seiner Zeit der Parteiarbeit.

Anfang der 1930er Jahre besuchte er die Internationale Lenin Schule in Moskau. Dort erhielt er eine ideologische Ausbildung nach sowjetischem Vorbild. Die Lehren von Wladimir Iljitsch Lenin und später auch die Politik von Josef Stalin prägten sein politisches Denken dauerhaft. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland setzte er seine Arbeit für die kommunistische Bewegung fort.

Verfolgung während der NS-Zeit 

Mit der Machtübernahme Adolf Hitlers im Jahr 1933 wurden kommunistische Parteien verboten. Honecker arbeitete nun im Untergrund und organisierte gemeinsam mit anderen Kommunisten illegale Treffen, Flugblattaktionen und Widerstandsarbeit gegen das nationalsozialistische Regime. Dieses Engagement brachte ihn zunehmend in das Visier der Behörden.

1935 wurde Honecker von der Gestapo verhaftet. Ein Jahr später verurteilte ihn das Volksgerichtshof wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu einer langjährigen Haftstrafe. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs verbrachte er nahezu zehn Jahre in verschiedenen Gefängnissen, unter anderem im Zuchthaus Brandenburg Görden.

Die Haftjahre wurden für Honecker zu einer entscheidenden Lebensphase. Während viele politische Gegner des Nationalsozialismus hingerichtet wurden oder in Konzentrationslagern starben, überlebte er die Gefangenschaft. Nach Kriegsende betrachtete er sich selbst als überzeugten antifaschistischen Widerstandskämpfer. Dieses Selbstverständnis spielte später eine zentrale Rolle in der offiziellen Geschichtsdarstellung der DDR.

Der Aufstieg in der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR

Nach der Niederlage Deutschlands im Jahr 1945 wurde Honecker aus der Haft entlassen. Die sowjetischen Besatzungsbehörden begannen unmittelbar mit dem Aufbau neuer Verwaltungsstrukturen. Honecker schloss sich erneut der Kommunistische Partei Deutschlands an und arbeitete eng mit den sowjetischen Behörden zusammen.

1946 entstand durch die von der sowjetischen Besatzungsmacht geförderte Vereinigung von KPD und Sozialdemokratische Partei Deutschlands die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands. Honecker gehörte zu den aufstrebenden Funktionären der neuen Partei. Besonders im Bereich der Jugendpolitik machte er schnell Karriere.

Von 1946 bis 1955 leitete er die Freie Deutsche Jugend. Ziel dieser Organisation war die politische Erziehung der jungen Generation im Sinne des Sozialismus. Millionen Jugendliche wurden Mitglied der FDJ. Honecker entwickelte sich dadurch zu einem der bekanntesten Politiker der jungen DDR.

1949 entstand offiziell die Deutsche Demokratische Republik. In den folgenden Jahren stieg Honecker kontinuierlich innerhalb der Parteiführung auf. Er galt als äußerst loyal gegenüber der Sowjetunion und unterstützte konsequent den Aufbau eines sozialistischen Einparteienstaates.

Die Berliner Mauer und der Weg an die Staatsspitze

Ein entscheidender Wendepunkt seiner politischen Laufbahn kam im Jahr 1961. Als Sekretär des Zentralkomitees der SED war Honecker maßgeblich an den Vorbereitungen zum Bau der Bau der Berliner Mauer beteiligt. In der Nacht vom 12. auf den 13. August 1961 begann die Abriegelung der Grenze zwischen Ost und West Berlin.

Die DDR Führung begründete den Mauerbau mit dem Schutz vor angeblicher westlicher Aggression. Tatsächlich sollte vor allem verhindert werden, dass weiterhin Hunderttausende Menschen die DDR in Richtung Bundesrepublik verließen. Für Honecker wurde die Mauer später zum Symbol der Stabilität des sozialistischen Staates. Gleichzeitig entwickelte sie sich weltweit zum Sinnbild der deutschen Teilung und der Einschränkung der Reisefreiheit.

1971 verlor Walter Ulbricht innerhalb der Parteiführung zunehmend an Rückhalt. Mit Unterstützung der sowjetischen Führung unter Leonid Breschnew wurde Honecker zum neuen Ersten Sekretär der SED gewählt. Damit übernahm er faktisch die Führung der DDR.

1976 wurde er zusätzlich Vorsitzender des Staatsrat der DDR und vereinte damit die wichtigsten politischen Ämter des Landes auf sich.

[Noir] / Berlinermauer.jpg / CC BY 3.0 / Wikimedia Commons

Die DDR unter Honecker

Während der ersten Jahre seiner Herrschaft versuchte Honecker, den Lebensstandard der Bevölkerung zu verbessern. Große Wohnungsbauprogramme sollten den Wohnungsmangel beseitigen. Neue Plattenbausiedlungen entstanden in nahezu allen größeren Städten der DDR. Gleichzeitig investierte der Staat in Bildung, Gesundheitswesen und Kinderbetreuung. Viele Bürger profitierten von vergleichsweise günstigen Mieten, einer nahezu vollständigen Beschäftigung sowie umfangreichen sozialen Leistungen.

Dennoch blieb die DDR eine Diktatur. Freie Wahlen existierten nicht. Oppositionelle Gruppen wurden überwacht und kritische Meinungsäußerungen häufig unterdrückt. Eine zentrale Rolle spielte dabei das Ministerium für Staatssicherheit unter der Leitung von Erich Mielke. Die Stasi entwickelte eines der dichtesten Überwachungsnetze der Welt. Millionen Akten dokumentierten Gespräche, Briefe und persönliche Kontakte von Bürgerinnen und Bürgern.

Auch an der innerdeutschen Grenze galt weiterhin ein strenges Grenzregime. Menschen, die versuchten, die DDR unerlaubt zu verlassen, mussten mit Haftstrafen rechnen. An der Grenze kamen zahlreiche Flüchtlinge ums Leben oder wurden erschossen. Die Verantwortung für diese Politik wird bis heute eng mit Honeckers Regierungszeit verbunden.

International bemühte sich Honecker gleichzeitig um eine stärkere Anerkennung der DDR. 1973 wurden sowohl die Bundesrepublik Deutschland als auch die DDR Mitglieder der Vereinte Nationen. In den folgenden Jahren reiste Honecker in zahlreiche sozialistische Staaten und empfing ausländische Staatsgäste in Ost Berlin. Besonders symbolträchtig war sein offizieller Besuch in der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1987, bei dem er unter anderem Helmut Kohl traf.

[Koard, Peter] / Bundesarchiv Bild 183-R1029-031, Erich Honecker (cropped).jpg / CC BY 3.0de / Wikimedia Commons

Der Niedergang der DDR und der Verlust der Macht

In den 1980er Jahren verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage der DDR zunehmend. Die Staatsverschuldung wuchs, viele Betriebe arbeiteten ineffizient und die Versorgung mit Konsumgütern blieb hinter den Erwartungen der Bevölkerung zurück. Gleichzeitig leitete der neue sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow mit Glasnost und Perestroika tiefgreifende Reformen ein.

Honecker lehnte diese Veränderungen jedoch weitgehend ab. Er war überzeugt, dass der Sozialismus der DDR auch ohne grundlegende Reformen bestehen könne. Dieser Kurs isolierte die DDR zunehmend innerhalb des Ostblocks.

1989 erreichten die Proteste der Bevölkerung eine nie dagewesene Größenordnung. Immer mehr Menschen demonstrierten für Meinungsfreiheit, Reisefreiheit und demokratische Reformen. Gleichzeitig flohen Zehntausende DDR Bürger über Ungarn und die Tschechoslowakei in den Westen.

Im Oktober 1989 verlor Honecker schließlich den Rückhalt innerhalb seiner eigenen Partei. Das Politbüro der SED zwang ihn zum Rücktritt. Sein Nachfolger wurde Egon Krenz.

Nur wenige Wochen später fiel am 9. November 1989 die Fall der Berliner Mauer. Weniger als ein Jahr danach endete mit der Deutsche Wiedervereinigung die Existenz der DDR.

Die letzten Jahre 

Nach dem Zusammenbruch der DDR geriet Honecker zunehmend in den Mittelpunkt strafrechtlicher Ermittlungen. Ihm wurde unter anderem die politische Verantwortung für die Todesschüsse an der innerdeutschen Grenze vorgeworfen. Zunächst hielt er sich in einem sowjetischen Militärhospital auf, später floh er in die Botschaft der Sowjetunion in Berlin und schließlich nach Russland.

1992 wurde Honecker nach Deutschland ausgeliefert. Vor dem Berliner Landgericht begann ein Prozess wegen seiner Mitverantwortung an den Todesfällen an der innerdeutschen Grenze. Aufgrund einer weit fortgeschrittenen Krebserkrankung wurde das Verfahren jedoch 1993 eingestellt.

Anschließend durfte Honecker zu seiner Familie nach Santiago de Chile ausreisen. Dort lebte bereits seine Tochter mit ihrer Familie. Seine letzten Lebensmonate verbrachte er weitgehend zurückgezogen.

Am 29. Mai 1994 starb Erich Honecker im Alter von einundachtzig Jahren an Leberkrebs.

Die historische Bewertung Honeckers bleibt bis heute kontrovers. Für viele ehemalige DDR Bürger steht seine Regierungszeit für soziale Sicherheit, Vollbeschäftigung und umfangreiche staatliche Leistungen. Andere verbinden seinen Namen vor allem mit politischer Unterdrückung, mangelnder Meinungsfreiheit, umfassender Überwachung durch die Stasi, dem Schießbefehl an der innerdeutschen Grenze und der Unfähigkeit, notwendige Reformen einzuleiten.

Unabhängig von diesen unterschiedlichen Perspektiven zählt Erich Honecker zu den prägendsten politischen Persönlichkeiten der deutschen Nachkriegsgeschichte. Über fast zwei Jahrzehnte bestimmte er die Entwicklung der DDR entscheidend und wurde zum bekanntesten Gesicht des ostdeutschen Staates während des Kalten Krieges. Seine Politik, seine Entscheidungen und ihr Einfluss auf Millionen Menschen wirken bis heute in der historischen Aufarbeitung der deutschen Teilung nach.

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